Fast jede kleine Webagentur im deutschsprachigen Raum hat ihr Geschäft auf einer Annahme aufgebaut: WordPress ist gesetzt. Es läuft auf fast der Hälfte des Webs, jeder Kunde kennt es, jeder Entwickler beherrscht es, und das Ökosystem aus Themes und Plugins löst fast jede Anforderung. 2026 bekommt diese Selbstverständlichkeit erste Risse. Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt verliert WordPress messbar Anteile – und im Hintergrund schwelt ein Führungsstreit, der viele in der Community verunsichert hat.
Für eine Agentur, deren Umsatz zu großen Teilen an einer einzigen Plattform hängt, ist das kein Nischenthema, sondern eine strategische Frage: Ist mein wichtigstes Werkzeug noch die sichere Bank, für die ich es halte? Dieser Beitrag ordnet ein, was der sinkende WordPress-Marktanteil wirklich bedeutet, was hinter dem Streit zwischen Automattic und WP Engine steckt und welche nüchternen Konsequenzen du für dein Geschäft ziehen kannst – ohne in Panik zu verfallen.
Was der sinkende WordPress-Marktanteil wirklich aussagt
Zunächst die Zahlen, und hier lohnt Genauigkeit, weil verschiedene Messdienste unterschiedliche Dinge zählen. Nach den Daten von W3Techs, der am häufigsten zitierten Quelle, lag WordPress zeitweise bei rund 43 Prozent aller Websites und ist im Verlauf des Jahres 2026 auf etwa 41,9 Prozent zurückgegangen. Der auf HTTP-Archive-Daten gestützte Report von GravityKit misst anders: Dort kommt WordPress im April 2026 auf 33,21 Prozent des messbaren Webs, nach einem Höchststand von 35,76 Prozent im Juli 2022 – ein Rückgang um gut 2,5 Prozentpunkte.
Der Unterschied zwischen „43 Prozent" und „33 Prozent" ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Methode: W3Techs zählt Subdomains einer Seite als einen Eintrag, HTTP Archive zählt sie einzeln. Beide Messungen sind methodisch korrekt und messen schlicht Verschiedenes. Entscheidend ist nicht die exakte Kommastelle, sondern die Richtung – und die zeigt bei beiden Diensten erstmals seit Jahren nach unten, nachdem WordPress über ein Jahrzehnt fast ununterbrochen gewachsen war.
Zwei Dinge sollte man dabei aber nicht durcheinanderbringen. Erstens ist WordPress trotz des Rückgangs mit Abstand marktführend: Unter den Seiten mit erkennbarem CMS liegt sein Anteil weiter bei rund 60 Prozent oder mehr. Von „WordPress stirbt" kann keine Rede sein. Zweitens ist ein Rückgang von ein bis zweieinhalb Prozentpunkten kein Absturz, sondern eine Trendwende – ein schwaches Signal, das man ernst nimmt, ohne es zu dramatisieren. Genau diese nüchterne Lesart ist für eine strategische Entscheidung wertvoller als jede Alarm-Schlagzeile.
Woher kommt die Bewegung? Ein einzelner Grund lässt sich seriös nicht benennen, aber mehrere Entwicklungen wirken in dieselbe Richtung. Baukastensysteme und Website-Builder sind für einfache Projekte reifer und günstiger geworden, sodass ein Teil der Kleinstseiten, die früher fast automatisch WordPress bekamen, heute woanders landet. Gleichzeitig senken KI-gestützte Site-Generatoren die Einstiegshürde für Seiten ohne klassisches CMS. Und schließlich hat der Governance-Streit, um den es gleich geht, manchen Entscheider dazu gebracht, Alternativen zumindest zu prüfen. Für dich ist weniger die genaue Ursache wichtig als die Konsequenz: Der Markt ist nicht mehr so alternativlos, wie er lange schien.
Der Streit, der die Community verunsichert hat
Parallel zu den Zahlen sorgte ein Konflikt für Schlagzeilen, der das Vertrauen in die Plattform-Governance erschütterte. Im September 2024 eskalierte der lange schwelende Streit zwischen Automattic – dem Unternehmen von WordPress-Mitgründer Matt Mullenweg – und dem Hosting-Anbieter WP Engine. Mullenweg warf WP Engine öffentlich vor, massiv Umsatz auf Basis von WordPress zu machen, ohne angemessen zum Open-Source-Projekt beizutragen, und bezeichnete das Unternehmen in einem Blogbeitrag als „cancer to WordPress".
Was folgte, war für viele ein Weckruf. Ende September 2024 sperrte WordPress.org WP Engine vom Zugriff auf seine Ressourcen – mit der Folge, dass Kunden zeitweise keine Plugins und Themes mehr aktualisieren konnten. Anfang Oktober übernahm Automattic zudem die Kontrolle über das weit verbreitete Plugin Advanced Custom Fields (ACF). WP Engine klagte, und ein US-Gericht ordnete im Dezember 2024 per einstweiliger Verfügung an, den Zugang wiederherzustellen. Über 150 Automattic-Mitarbeitende verließen aus Protest das Unternehmen.
Für Agenturen war die unbequeme Erkenntnis nicht der Streit selbst, sondern was er offenlegte: dass zentrale Teile des vermeintlich offenen, dezentralen Ökosystems – die Update-Infrastruktur von WordPress.org, die Kontrolle über wichtige Plugins – faktisch in der Hand einer einzigen Person liegen können. 2026 ist es um den Konflikt öffentlich ruhiger geworden, doch die strukturellen Fragen, die er aufgeworfen hat, sind ungelöst geblieben. Das nagt an dem Grundvertrauen, das WordPress groß gemacht hat.
Praktisch heißt das nicht, dass deine Kundenseiten morgen ausfallen – die allermeisten laufen völlig unberührt weiter. Der Wert der Episode liegt woanders: Sie ist eine kostenlose Lektion in Plattform-Risiko. Wer sein Geschäft auf fremder Infrastruktur aufbaut, sollte wissen, wer im Zweifel den Schalter in der Hand hält und welche Teile des Stacks – Update-Server, zentrale Plugins, Verzeichnisse – davon abhängen. Diese Frage stellt sich nicht nur bei WordPress, sondern bei jedem Baukasten, jeder Cloud und jedem Hosting-Anbieter. Der WP-Engine-Vorfall hat sie nur besonders sichtbar gemacht.
Was das für kleine Agenturen konkret heißt
Die richtige Reaktion ist weder Panik noch Ignorieren, sondern De-Risking: die Abhängigkeit von einer einzigen Plattform bewusst reduzieren, ohne das funktionierende Geschäft über Bord zu werfen. Fünf Ansätze sind dafür realistisch.
Portabilität ernst nehmen
Baue Kundenprojekte so, dass Inhalte und Daten im Zweifel exportierbar bleiben und nicht in proprietären Page-Builder-Strukturen gefangen sind, die nur mit einem bestimmten Plugin funktionieren. Sauberer, standardnaher Aufbau ist die beste Versicherung gegen jede Plattform-Überraschung – und macht auch einen späteren Relaunch ohne Ranking-Verlust deutlich leichter.
Update- und Backup-Hoheit sichern
Der WP-Engine-Vorfall hat gezeigt, wie abhängig man von zentraler Infrastruktur sein kann. Eine eigene, vom Hoster unabhängige Sicherungsstrategie – wie in unserem Beitrag zu Website-Backups für Kunden beschrieben – nimmt dir im Ernstfall die Ohnmacht. Wer seine Backups selbst kontrolliert, ist gegen Ausfälle jeder Ursache gewappnet, egal ob technischer Defekt oder Governance-Streit.
Eine Alternative wirklich beherrschen
Du musst WordPress nicht aufgeben, aber es hilft, für den passenden Fall eine zweite Option parat zu haben. Für schlanke Seiten ohne komplexes Backend können statische Site-Generatoren oder ein Baukasten die robustere und wartungsärmere Wahl sein; für design- oder anwendungslastige Projekte lohnt ein Blick auf Headless-Ansätze. Der Punkt ist nicht, das Pferd zu wechseln, sondern nicht nur ein einziges im Stall zu haben.
Wartung und Sicherheit als Standbein stärken
Gerade weil WordPress-Seiten laufende Pflege brauchen, ist das ein Wert, kein Ballast. Das wiederkehrende Geschäft aus WordPress-Wartung bleibt attraktiv, solange die Plattform verbreitet ist – und ist zugleich der Anlass, bei jedem Kunden die oben genannte Unabhängigkeit gleich mitzudenken.
Neue Kompetenzen aufbauen, wo die Nachfrage wächst
Während der CMS-Markt sich sortiert, entsteht Nachfrage an anderer Stelle: DSGVO-konforme Umsetzung, KI-gestützte Funktionen, Barrierefreiheit, Performance. Wer diese Felder besetzt, hängt weniger an einer einzelnen Plattform und mehr an Problemen, die Kunden ohnehin gelöst haben wollen. Realistisch bleiben solltest du dabei beim Thema Tempo: Dass KI die Entwicklung pauschal beschleunigt, ist ein Trugschluss, den wir in unserem Beitrag zur KI-Webentwicklung mit Studiendaten hinterfragen.
Ruhe bewahren, aber wachsam bleiben
Unterm Strich ist WordPress 2026 keine sinkende, sondern eine reifende Plattform: immer noch dominant, aber nicht mehr konkurrenzlos, und mit einer Governance-Frage, die man im Auge behalten sollte. Für kleine Agenturen ist das kein Grund zum Umsteuern, aber ein guter Anlass, die eigene Abhängigkeit einmal ehrlich zu prüfen. Die Agenturen, die den Trend nüchtern lesen – marktführend, leicht rückläufig, mit offenen strukturellen Fragen –, treffen bessere Entscheidungen als die, die entweder alles beim Alten lassen oder dem nächsten Hype hinterherlaufen. Dein wichtigstes Werkzeug bleibt scharf. Es schadet nur nicht, ein zweites zu kennen.
- WordPress verliert 2026 erstmals seit über einem Jahrzehnt Anteile: laut W3Techs von rund 43 % auf etwa 41,9 % aller Websites, laut HTTP Archive von 35,76 % (2022) auf 33,21 %.
- Die unterschiedlichen Zahlen sind kein Widerspruch, sondern Methodensache – W3Techs zählt Subdomains als einen Eintrag, HTTP Archive einzeln; die Richtung zeigt bei beiden nach unten.
- WordPress bleibt mit rund 60 % CMS-Marktanteil klar führend – von 'WordPress stirbt' kann keine Rede sein, es ist ein Trendsignal, kein Absturz.
- Der Streit zwischen Automattic und WP Engine ab September 2024 legte offen, wie stark zentrale Infrastruktur wie WordPress.org von einzelnen Akteuren abhängt.
- Die richtige Agentur-Reaktion ist De-Risking: Portabilität, eigene Backup-Hoheit, eine beherrschte Alternative und neue Kompetenzfelder statt Panik oder Ignorieren.